Februar 2011
Liebe Schwestern und Brüder,
Eigentlich hat es Kirchen nie gegeben. Das Christentum kennt keinen Tempel, kein Gotteshaus, kein Kultgebäude. Denn ,GOTT‘ lässt sich nicht einsperren in eine Konstruktion von Menschenhand. ,ER‘ lebt viel mehr in dem, was ,ER‘ gemacht hat, in seiner Schöpfung und besonders im Menschen, der sein Ebenbild und Tempel ist. Und selbst wenn es in der katholischen Tradition die „Weihe“ einer Kirche gibt, so ist diese doch „abgekupfert“ von dem, was eigentlich mit Menschen gefeiert wird: Die Kirche wird bei ihrer Weihe getauft und gefirmt. Es geht um Menschen, nicht um Steine.
Trotzdem haben wir in unserer Gemeinde erfahren, dass wir eine Kirche brauchten. Vielleicht haben wir damit die Entwicklung des Kirchenbaus (Treffen in privaten Häusern, Hauskirche, Kirchenhaus, Basilika) im kleinen noch einmal nachvollzogen.
Wir brauchten einen Ort, an dem wir alle Freiheiten und Möglichkeiten haben, als Gemeinde zu leben.
Fast zwei Jahre ist nun der Baubeginn unserer Kirche her, und noch viel weiter zurück liegen die ersten Planungsüberlegungen. Zwei Jahre lang waren so gut wie alle Kräfte der aktiven Gemeindemitglieder und auch von Freundinnen und Freunden im Kirchbau gebunden.
Allmählich sind es wirklich nur noch kleine Baustellenreste, und eine Fertigstellung ist abzusehen.
Ich meine, es ist Zeit, jetzt wieder den Blick zu lenken auf den eigentlichen Grund des Kirchbaus. Die gemauerten Steine, zwischen denen wir Liturgie feiern und uns begegnen, dienen der Gemeinschaft mit Gott und miteinander. Sie helfen, ein geistiges Bauwerk aus lebendigen Steinen entstehen zu lassen.
Ich wünsche mir, dass in diesem Jahr viele mitreden, wenn es darum geht, unsere neuen Räume mit immer mehr Leben zu füllen. Wie wachsen wir in unserer Liebe zu Gott? Wie wachsen wir als Gemeinschaft? Wie wird unser Gemeindezentrum zur Heimat? Welche Veranstaltungen und Gruppen können jetzt entstehen?
Das Jahr der fertigen Kirche ist für mich persönlich das zehnte Jahr als Priester in Hannover. Manches ist nach so einer Zeit schon festgefahren und Gewohnheit geworden. Zudem hat der Kirchbau dazu geführt, dass ich mich um Beziehungen und pastorale Fragen wenig kümmern konnte.
Darum habe ich mir vorgenommen, in diesem Jahr – zur Verbesserung des geistigen Baus – einen pastoralen Neuanfang zu versuchen und möglichst viele von Ihnen und Euch zu Gesprächen zu besuchen. Ich möchte dabei unbefangen hören und wahrnehmen, vielleicht so wie ein junger Geistlicher, der zum allerersten Mal den Weg mit einer Gemeinde beginnt.
Natürlich freut es mich, wenn jemand in diesem Sinne auch schon auf mich zukommt und das Gespräch sucht.
Herzlich grüßt Sie und Euch
Pfr. Oliver Kaiser